Wiener Videos aus der Sammlung für zeitgenössische Kunst der Stadt Wien – MUSA

Die Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA beinhaltet einen großen Bestand an Video- und Filmarbeiten von 1959 bis zur Gegenwart, aus dem in loser Folge einzelne Werke auf diesem Monitor präsentiert werden.

 

AKTUELL | Video | Blue Laguna Space Trip, 2008 | 6 min

Georg Frauenschuh

Georg Frauenschuh Blue Laguna Space Trip WebsiteWienerinnen und Wienern sowie österreichischen Häuslbauern ist die „Blaue Lagune“ vermutlich ein Begriff, bezeichnet sie doch Europas größtes Fertighauszentrum, das sich seit 1992 in Vösendorf südlich von Wien befindet. Über 100 Musterhäuser, versehen mit sämtlichen Ausstattungsdetails und kleinen Vorgärten, versinnbildlichen hier eine Konsumwelt, in der die von ArchitektInnen propagierte Individualität beim Hausbau zugunsten vorgeschriebenen Geschmacks geopfert wird.

Georg Frauenschuh geht mit seiner Kamera ganz nah an diese künstliche Siedlung heran, tastet die Oberflächen ihrer Häuser, Zäune und gepflasterten Auffahrten ab. Kameraschwenks, schnelle, rhythmische Schnitte sowie Überblendungen werden von der sphärischen, atonalen Musik György Ligetis untermalt, die als Soundtrack zu Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ Berühmtheit erlangte. Das Zusammenspiel der eigenwilligen Klänge mit den partiell abstrakt wirkenden Detailaufnahmen zieht uns immer stärker in die Künstlichkeit dieser perfekten, menschenleeren Wohnsiedlung hinein: Die Vorstellung vom perfekten Heim, das in der Werbung versprochene Shoppingvergnügen, die Sehnsüchte des Hausbauers lösen sich in einer unheimlichen, irrealen und, wie es der Titel bereits andeutet, tripartigen Situation mit Science-Fiction-Charakter auf. 

Gunda Achleitner  

 

RÜCKBLICK | Video | Auspizien 2010, 2010 | 3:32 min, loop

Barnabas Huber, Sound: Bartosz Sikorski 

Barnabas Huber 2malAls Kontrapunkt zu der im MUSA gezeigten Installation mit Videos domestizierter und in Käfigen gehaltener Kanarienvögel präsentiert der Monitor des Foyers den Vogelflug wilder Stare in freier Natur. Barnabas Hubers Video „Auspizien 2010“ ist während seines Studienaufenthaltes in Rom 2010 nahe des Bahnhofs Roma Termini entstanden. Eine speziell dafür eingespielte Tonspur hebt das bereits zum Alltag gehörende Naturschauspiel auf eine künstlerische Ebene. Steckten im antiken Rom noch die Auguren eine Fläche für die Vogelbeobachtung („ Auspizium“) ab und deuteten anhand dessen den göttlichen Willen, so geben nun die Kamera des Künstlers und der Bildschirm die Koordinaten der Wahrnehmung vor. Die monochrome blaue Fläche des Himmels wird unaufhörlich von unzähligen Vögeln, die in beständig veränderter Schwarmformation fliegen, strukturiert, verändert, setzt sich neu zusammen und zieht uns BetrachterInnen in einen hypnotisierenden Bann. Ohne den Titel zu kennen, könnte man in diesen abstrakten Bildern auch magnetische Versuchsanordnungen erkennen. Die wellenförmige Bewegung der Stare wird von einem minimalistischen, aus knackenden Geräuschen bestehenden Sound (des Kontrabassisten und Malers Bartosz Sikorski) begleitet, der die Harmonie des Gesehenen unterwandert und Gedanken zu einer völlig anderen Themenstellung in Bezug auf die Zugvögel zulässt: Das beeindruckende Schauspiel lässt vergessen, dass die Vogelschwärme, die jedes Jahr im Winter in Rom Zwischenstation machen, abends in die Stadt einfallen und zum Leidwesen der Bevölkerung massive Verschmutzung sowie Verkehrsprobleme verursachen. 

Gunda Achleitner  

 

RÜCKBLICK | Videos | Homeland Security, I-V, 2003 | je unter 2 min
Rainer Ganahl Homeland SecurityRainer Ganahl *1961 in Bludenz (A), lebt in New York
Courtesy of: Universitätsbibliothek, Universität für angewandte Kunst Wien

 

Diese Videoserie stellt eine Fortsetzung meiner sprachbasierten Videoarbeiten mit den Titeln „Grundgefühle“ und „Grundkonflikte“ dar. Das Prinzip ist immer dasselbe: Ein bestimmter Satz wird von mir in allen elf Sprachen, die ich bisher gelernt habe, vorgetragen. In einer mit einem Sprachlabor vergleichbaren Situation wiederhole ich denselben Satz in all diesen verschiedenen Sprachen, wodurch Momente von Humor, Absurdität und Paranoia entstehen. In der neuen Serie von „Homeland Security“-Clips („Heimatschutz“-Clips), die im Stil von Fahndungsfotos gedreht sind, beziehe ich mich auf das jüngst geschaffene amerikanische Department of Homeland Security, das uns höchstwahrscheinlich eine Art quasi-totalitären Big-Brother-Polizeiapparat bescheren wird. Unsere Wohnungen werden digital überwacht werden, es werden endlos Profile erstellt werden – kurzum, wir werden „homeless security“ erleben, da es immer schwieriger wird, sich im eigenen Zuhause wirklich zuhause zu fühlen.
Meine „Homeland Security“-Sequenzen beginnen mit Arabisch, einer Sprache, die ich erst seit 2001 lerne, und enden mit vertrauteren Sprachen. Die Sätze sind einfach und bringen ein gewisses Maß an paranoider Angst zum Ausdruck: „Ich bin kein Terrorist“ (1), „Ich bin kein religiöser Fanatiker“(2), „Ich gebe terroristischen Netzwerken kein Geld“ (3), „Ich weiß nicht, wie man Bomben baut“ (4), „Ich lade keine gefährlichen Informationen aus dem Internet herunter“ (5).
Rainer Ganahl, New York, 2003

 
RÜCKBLICK | Video, Ton | Mind Cinema. Das innere Kino, 1990 | 15:20 (loop)

Zelko Wiener stills minde cinema 1990 2 c MUSAZelko Wiener, Musik: Konrad Becker

Die noch am Amiga entstandene Computeranimation *Mind Cinema. Das innere Kino* wird 1990 auf der Ars Electronica in Linz installiert und zählt zu Zelko Wieners *Opto-akustischen Kompositionen*. Erstmals verwendet er hier Großbildprojektionen und bespielt einen ganzen Raum mit pulsierenden Computersequenzen. Hinter der extrem schnellen Abfolge an geometrischen Formen und dem dazugehörigen (Techno-)Sound von Konrad Becker steckt die Idee, subjektive Imaginationen bei den Betrachtenden auszulösen. Dieses Konzept leitet sich aus der damals aktuellen Szene der Mind Machines und der damit zusammenhängenden Annahme ab, dass über optische Reize bestimmte geistige Zustände ausgelöst werden können. Zelko Wiener ist fasziniert, dass eine künstlerische Arbeit keine Bildinhalte im Sinn von Bildelementen mehr braucht und es nur um Licht- und Tonimpulse gehen kann. Damit eröffnet sich der geistigen Autonomie der Betrachtenden keine vorgeformte Welt, sondern es werden ausschließlich eigene Empfindungen ausgelöst. Zelko Wiener setzt mit dieser Arbeit der überbordenden und ungefilterten Informations-, Daten- und Wissensflut ein stringentes Konzept äußerster Minimalisierung entgegen.
Fina Esslinger & Ursula Hentschläger

 
RÜCKBLICK | Video, Ton | Der längste Kuss der Welt, 2014 | 4:31 min 

Hubert-Sielecki 350Hubert Sielecki * 1946 in Rosenbach (Kärnten), lebt in Wien

Hubert Sielecki ist Fotograf, Drehbuchautor, Regisseur, Großmeister des Animationsfilms, Kameramann, Musiker, Darsteller, Zeichner und Maler in einem. Während seines Studiums an der Universität für angewandte Kunst in Wien von 1968-1973 gehörte er zu den FotografiestudentInnen von Eva Choung-Fux (Klasse Prof. Franz Herberth), seit damals verbindet sie eine enge Freundschaft.
„Der längste Kuss der Welt währte dreissig Stunden, neunundfünzig Minuten und siebenundzwanzig Sekunden. Clara und Hannes, die einander erstmals am einundzwanzigsten November neunzehnhundertsechsundachtzig küssten, wollten diesen Weltrekord am Valentinstag, dem vierzehnten Februar, brechen. Der Weltrekordversuch wurde vom Apothekerverband organisiert, die Apothekerinnen und Apotheker wollten damit für bessere Mundhygiene werben (…)“
Diese Pressemeldung inspirierte den österreichischen Schriftsteller und bildenden Künstler Gerhard Rühm zu einem Lautgedicht, das er mit seiner Frau Monika Lichtenfeld in seinen Sprachperformances vorträgt. Rühm arbeitet hierbei mit sich beständig steigernden Wort- bzw. Wortgruppenwiederholungen, die eine starke akustische und inhaltliche Verfremdung des originalen Textmaterials zur Folge haben und den pseudowissenschaftlichen Anspruch der Zeitungsnotiz (der Apothekerverband!) ad absurdum führt. Sielecki sorgt auf der visuellen Ebene für die zweite Mutation: Er selbst schlüpft in die Rolle von acht Personen des Krankenhauspersonals, die Playback mitsprechen und Gesagtes mittels ausgeprägter Gestik unterstreichen. Durch die Vielzahl an „Sprechenden“, die nicht mehr zu den zwei Stimmen Rühms und Lichtenfelds passen, entsteht eine äußerst abstrakte, verwirrende Situation, die sich aber letztlich in Amüsement auflöst angesichts Sieleckis herrlich eindringlich gespielter Ernsthaftigkeit in bester Karl-Valentinscher-Manier.
Gunda Achleitner

 
RÜCKBLICK | Video, Ton | Der kleine Flüchtling, 2003 | 13 min

khalifa streifen 350bErfan Khalifa *1964 in Damaskus, lebt in Damaskus

Erfan Khalifa setzt in seinem „art documentary film“ Der kleine Flüchtling eine prägende Situation aus seiner Kindheit in Tripolis um. Als zehnjähriger Volksschüler und Klassenbester ist er den Hänseleien seiner Mitschüler ausgesetzt und wird im Streit als Flüchtling, Feigling, als „Palestinian dog“ beschimpft, der heimgehen und sein Land befreien soll. Erfans Vater war mit 16 Jahren gemeinsam mit den Eltern aus Palästina geflüchtet, seine Mutter war bei ihrer eigenen Flucht erst ein Jahr alt, Erfan selbst wurde bereits in Damaskus geboren.
2003, während seines Studiums an der Universität für angewandte Kunst bei Gabriele Rothemann in Wien, verarbeitet Erfan Khalifa in behutsamer, emotionaler Herangehensweise seine Situation und gleichzeitig diejenige vieler Flüchtlinge, die keine Hoffnung haben, jemals in das Land ihrer Vorfahren und Vorfahrinnen zurückkehren zu können. Am Boden liegend, nackt und ausgesetzt, nur von zwei Reihen Glühbirnen umgeben, erzählt er über seine Situation und Geschichte. Er verweist damit auf die schwierigen Umstände von Flüchtlingen in diesem Zustand einer entwurzelten Identität. Die Aberkennung staatlicher Zugehörigkeit ist gleichbedeutend mit dem weitgehenden Verlust individueller Autonomie. Ein tief greifender Prozess der Entwürdigung geht damit einher.
Das Video ist nur ein Beispiel für die heute sehr aktuelle Situation der Flüchtlinge, die nach Europa fliehen. Erfan Khalifa ist 2005 von Wien nach Damaskus zurückgekehrt.
Michaela Nagl

 
RÜCKBLICK | Film | Der Einzug des Rokoko ins Inselreich der Huzzis, 1989 | 103 min

rokoko 1Andreas Karner *1960 in Wien, lebt in Wien | Mara Mattuschka*1959 in Sofia, lebt in Wien
Hans-Werner Poschauko*1963 in Graz, lebt in Wien

Der herrschsüchtige Jugendliche Reverend M´Zimbe, Sohn der Vorstadtdirne Conny, steht im Spannungsverhältnis zu dieser zwischen Ablehnung aufgrund der durch sie verursachten Unterdrückung sexueller Selbsterfahrung und Gefallsucht gegenüber der konträr agierenden Mutter als Prostituierte. Nach deren Affäre mit Kronprinz Rudolf kurz vor dessen Selbstmord macht er sich auf, um den zwar kannibalistischen, jedoch grundsätzlich harmlosen Huzzis, einem Inselvolk, seine despotischen Ansichten aufzuoktroyieren, um die zeitlebens entbehrte mütterliche Bestätigung zu erhalten. Unter Vorspiegelung der Notwendigkeit der kulturellen Erziehung und Ausmerzung des falschen Glaubens bzw. des unkonformen Essverhaltens macht sich Reverend M´Zimbe die kindliche Unschuld der Huzzis manipulierend zu Nutze. Mit großer Ironie und feinem Witz erzählen die Künstler in rudimentärer Pappkulisse die Geschichte des Zusammentreffens einer herrschsüchtigen, eigene Defekte kaschierenden Psyche in Autoritätsposition und unbefangener Unschuld, sowie der latenten Billigung und geheuchelten Entrüstung der umgebenden Gesellschaft.
„Der Einzug des Rokoko ins Inselreich der Huzzis“ spiegelt einerseits die Unsicherheit, andererseits die Unbeholfenheit in Konfrontation mit sozialer Neuerung und zwischenmenschlicher Auseinandersetzung in all den möglichen Erscheinungsformen und Reaktionen der Integration ins gesellschaftliche Globalbewusstsein wider.
Johannes Karel

 
RÜCKBLICK | DVD | Marija Mojca Pungerčar | Brotherhood and Unity, 2006 | 38 min
Pungercar Marija Mojca Brotherhood and Unity 2006 1 c-artist 350bWährend der Ausstellung „Memory Lab. Photography Challenges History“ stellt „Wiener Videos“ eine Erweiterung des Ausstellungsraumes dar und präsentiert die Videoarbeit „Brotherhood and Unity“ der slowenischen Künstlerin Marija Mojca Pungerčar. Sie lässt darin jene Arbeiter, die den Wiederaufbau der legendären jugoslawischen Autobahn der 1950er-Jahre, „Brüderlichkeit und Einheit“, besorgen, zu Wort kommen und geht der Frage nach, welche Relevanz diese titelgebenden Ideale heute in der neoliberalen Entwicklung Sloweniens haben.
Gunda Achleitner
 
RÜCKBLICK | DVD, Farbe | Derek Roberts | Corners, 2006-2008 | Kamera: Praved Chandra | 10:10 min

derk roberts_2Derek Roberts * 1978 in Birmingham, Alabama, lebt in Wien

Mit seinem Debütwerk „Corners“ legt Derek Roberts ein unglaubliches Tempo vor. 10 Minuten lang läuft er quer durch Wien, gejagt und zugleich getaktet von Konnakol, einer rhythmischen, indischen Musik. Beginnend in einem Innenhof im 1. Bezirk, flitzt er an Sehenswürdigkeiten vorbei, U-Bahnstationen, Geschäften, Baustellen, Märkten und landet immer wieder an den Peripherien Wiens. Mitunter springt, kriecht, rollt, stürzt er, schleppt Melonen oder einen entsorgten Christbaum und trägt unterschiedliche Kostüme. Die Geschwindigkeit seines Sprints, die Musik, der rasante Schnitt und Ortswechsel lassen auch uns BetrachterInnen nahezu außer Atem kommen, während die PassantInnen im Video eher irritiert ob des Läufers wirken. In jeder Szene überwindet Roberts mindestens eine Ecke – diese kann horizontal, vertikal, real oder auch bloß gedacht sein – und beweist damit einmal mehr, dass man eine Stadt auf verschiedenste Weisen kennenlernen, sie nutzen und sich in ihr bewegen kann. Nicht immer muss die Direttissima gewählt werden, oftmals geben gerade erst Umdrehungen, Haken-Schlagen und Ums-Eck-Laufen/-Schauen die interessantesten Einblicke.
Das plötzliche und überraschende Ende des ansonsten slapstickartigen „Corners“ erlaubt eine zweite, beunruhigende Interpretationsebene, die Assoziationen zwischen dem Künstler und einem gehetzten Tier oder gar einem, sich auf der Flucht befindlichen Kriminellen zulässt.
Gunda Achleitner

 
RÜCKBLICK | DV, Farbe | Mara Mattuschka und Chris Haring | Running Sushi, 2008 | 28:00 min

mattuschka haring 1Mara Mattuschka * 1959 in Sofia, lebt in Wien | Chris Haring * 1970 in Schattendorf (BG), lebt in Wien

Mara Mattuschka zählt zu Österreichs bedeutendsten FilmemacherInnen und PerformancekünstlerInnen. Bekannt sind auch ihre Ölbilder, großteils Selbstporträts, die in extremer Nahsicht (nackte) Körper in verschiedensten Verrenkungen zeigen. Diese eigentümliche Perspektive, die Nähe zum Körper überträgt die Lassnig-Studentin auch in ihre Kurz- und Experimentalfilme, für die sie seit 2005 immer wieder mit dem Tänzer und Choreographen Chris Haring zusammenarbeitet.
Wie sollen wir uns diese Diskrepanz zwischen der Einstellung des Menschen zum Innenleben und zur Außenwelt erklären? Warum wird sie in dieser Schärfe ausgebildet?
Mit dieser Frage konfrontiert sie, die nackte Tochter Evas, den gleichfalls nackten ihn, Adams Sohn, während im wohnlichen Ambiente das Sushi am Förderband vorbeifährt. Mit jedem Stück rohen Fisch eröffnet sich eine Parallelwelt, in der das Paar sein Beziehungschaos voller unausgesprochener Gedanken und  Gefühle, v.a. aufgestauter Aggression, auslebt. Dabei beinhalten die Kampfszenen der Protagonisten einen ironischen Beigeschmack und erinnern aufgrund des unterlegten Comic-Tons und der Tatsache, dass sich die beiden nie wirklich berühren, stark an klamaukartige Kung-Fu- oder Westernfilme.
Gunda Achleitner

 
RÜCKBLICK | 16mm s/w-Film | Linda Christanell | Fingerfächer 1975/2009 | 10min

christanell 4Linda Christanell * 1939 in Wien, lebt in Wien

Linda Christanell gehört zu den ProtagonistInnen der österreichischen Filmavantgarde, deren Werke Sexualität, Körperlichkeit, Fetisch sowie damit in Verbindung stehende Tabus umkreisen.
„Fingerfächer“ wurde an einem Tag, spontan ohne Drehbuch, gefilmt. Ausgehend vom zentralen Sujet, einem klassischen Hochzeitsfoto mit strahlender Braut und uniformiertem Bräutigam, arrangiert die Künstlerin allerhand triviale Schmuckgegenstände, die als Fetisch mit neuer Bedeutung aufgeladen sind und zwischen Verführen und Verletzen changieren. Dem selbstgebastelten Fächer (an ihren eigenen Händen) als Symbol des Weiblichen, u.a. auch des Geschlechts der Frau, wird eine Zeichnung eines schmachtend blickenden Jünglings mit Tiger gegenübergestellt – der „Tigermann“ als überspitztes Bild wilder Männlichkeit. Erst am Filmende löst Christanell die im Innenraum aufgenommen Szenen vom Blick aus dem Fenster zu einer Dachlandschaft mit fliegenden Tauben ab.
Gunda Achleitner

 
RÜCKBLICK | TRICKFILM | Norbert Trummer | Film auf Fichtenholz 2004/2009 | 54 Sek

fichtenh fim 350bNorbert Trummer* 1962 in Leibnitz/AUT, lebt in Wien

„Film auf Fichtenholz“ hält den Ausblick des Künstlers aus seiner Wiener Wohnung im Herbst 2003 fest: SpaziergängerInnen, LäuferInnen, ein Fußballfeld, auf dem die Spieler gerade dem Ball hinterherjagen, beobachtet von den ZuschauerInnen am Feldrand. Einzelbilder eines gezeichneten Storyboards übertrug Norbert Trummer mit Buntstift auf grundierte Fichtenholzbretter, fotografierte diese ab und stellte sie am Computer zu einer Animation zusammen. Was wir sehen, sind bunte, mit erfrischender Spontanität und Naivität ausgestattete Bilder, die gerade wegen ihrer Farbintensität die Wirklichkeit übersteigern und uns allen – auch wenn sie eine subjektive Erinnerung des Künstlers darstellen – allgemein vertraut und alltäglich wirken. Längeres Betrachten lohnt sich, bringt es doch überraschende Details zum Vorschein – einen orangefarbenen Mistkübel, Wohnhäuser, die Silhouette des Kahlenbergs und Leopoldbergs hinter Ottakring.
Gunda Achleitner

 
RÜCKBLICK | TRICKFILM | Veronika Schubert | Tintenkiller 2009 | 4:30 min

Veronika-Schubert Tintenkiller 350Veronika Schuberts Found-Footage-Animation „Tintenkiller“ schöpft aus dem reichen Fundus
von 40 Jahren „Tatort“, der wohl bekanntesten TV-Krimiserie im deutschsprachigen Raum. Allerdings interessiert sich Schubert nicht explizit für das Genre oder das Medium, sondern dafür, was beide zu unserer heutigen Bild- und Sprachkultur beitragen. „Tintenkiller“ ist eine Montage von visuellen und sprachlichen Floskeln aus der Fernsehserie, wobei statt Blut Tinte durch die Bilder sickert. Über 800 Einzelbilder hat die Künstlerin gestrickt und digital abfotografiert, dazu ca. 3000 Blätter gezeichnet und dann mit Tintenkiller partiell wieder gelöscht. Daraus ergibt sich eine Folge von Bildern und Leerstellen, von blauer Farbe, die zunächst sichtbar, dann unsichtbar gemacht wird. Die kühle Monochromie betont die emotionale Spannung der dargestellten Bildszenen.
Gunda Achleitner

 
RÜCKBLICK | VIDEO | Leopold Kessler | Privatisiert/Paris 2003 | 3:18 min

Kessler-privatised 350bIndem er sich den kleinen Lücken im oftmals überreglementierten städtischen Ordnungssystem widmet, greift Leopold Kessler mit seinen meist unangemeldeten Interventionen subtil in das gewohnte Stadtbild ein. Manchmal „tarnt“ er sich selbst entsprechend mit einem Blaumann, sodass auch seine Aktionen wie von der öffentlichen Hand genehmigte Amtshandlungen erscheinen und von dieser oft lange unbemerkt bleiben. Kein Wunder, sind doch vor allem harmlose Straßenschilder, Laternen, Brunnen oder Lautsprecher Ziele seiner „Angriffe“.
In Privatisiert/Paris (2003) manipuliert er acht Straßenlaternen der Rue Louis Weiss in Paris untertags so, dass er sie beim nächtlichen Spaziergang durch die Straße mittels Fernbedienung ausschalten kann. Wo der städtische Raum durch Videoüberwachung und laufend strenger werdende Reglements kontrolliert und vordergründig sicherer wird, verursacht Kessler humoristische Störungen im  Machtgefüge des Staates und fordert in diesem zugleich Besitzanspruch ein. An der Schnittstelle zwischen Privat und Öffentlich agierend, regt der Künstler an, die Grenzen der persönlichen Verantwortung immer wieder auszuloten und bestehende Verhältnisse, vor allem auch in Bezug auf die Frage „Wem gehört die Stadt?“, zu prüfen.
Gunda Achleitner