• Beginn: 28.2.2017
  • Ende: 22.4.2017
  • Eröffnung: Mo, 27. Februar 2017, 19.00

GABRIELE ROTHEMANN | QUIRE
Vierundzwanzig Vogelkäfige

 

Ein vielschichtiger Bildfindungsprozess führt bei den Arbeiten Gabriele Rothemanns (*1960 in Offenbach am Main/D) zu der ihr ganz eigenen fotografischen Bildsprache und Symbolwelt. Unterschiedliche Sinnbilder wie Tierfatschen, Röntgen- oder Archivaufnahmen helfen der in Wien lebenden Künstlerin und Fotografin, sich ihr wichtigen Fragestellungen anzunähern und dabei kollektive Erinnerungen zu verdichten. So bringt sie etwa über das Bild des Tieres allgemeine Überlegungen zu den Themen Hierarchie, Gefangenschaft, Tod sowie dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier zum Ausdruck. Mit „Vierundzwanzig Vogelkäfige“ (2009) wird Rothemann eine zentrale, das ganze MUSA füllende Rauminstallation präsentieren.

 

Vierundzwanzig Monitore sind auf unterschiedlich hohen Sockeln orchestral im Raum verteilt. Ein singender Kanarienvogel ist jeweils orthogonal in einem kleinen, etwas altmodisch wirkenden hölzernen Käfig aufgenommen. Durch die uniforme Gestalt der schwerelosen, in die Fläche projektierten Käfige, deren Gitterstäbe sich wie Raster über das bewegte Bild legen, und die immer gleiche Wahl des Ausschnitts enthüllt erst der zweite Blick, dass es sich nicht um simultane Vorführungen ein und desselben Videos handelt, sondern tatsächlich auf jedem der vierundzwanzig Monitore ein anderes, mit einer eigenen Tonspur unterlegtes Video zu sehen ist. Eine hochkomplexe Versuchsanordnung, die den Rezipienten zu sehender und hörender Annäherung auffordert und schon durch die symbolische Zahl Vierundzwanzig und die Wahl der in Europa seit dem 15. Jahrhundert domestizierten Kanarienvögel einen bewusst weiten Deutungshorizont eröffnet.
 
Die Reduktion auf Schwarz-Weiß, die serielle Wiederholung des monotonen, tableauartigen Settings und die Vergitterung des Blicks schaffen eine befremdliche, ja bedrohliche Ordnung und betonen zugleich die Zeichenhaftigkeit des Dargestellten. Die trügerische Distanz des neusachlichen Blicks dient dabei nur als analytische Spur, um Konflikte, Spannungen und Widersprüche aufzudecken. Es geht um den ewigen Widerstreit von Statik und Bewegung, von Natur und Zivilisation, von Freiheit und Ordnung, von Individuum und Masse. Wie in vielen Arbeiten von Gabriele Rothemann sind dabei die tierischen Protagonisten nur Stellvertreter auf der großen Bühne des Menschlichen, Allzumenschlichen. Auch wenn jedes Video einen spezifischen Kanarienvogel zeigt, sind die individuellen Handlungsspielräume extrem reduziert, erweisen sich als Variationen einer normativen Matrix. Selbst die Vogelstimmen neutralisieren sich in der babylonischen Vielstimmigkeit der vierundzwanzig Monitore, sodass letztlich Farbe, Positur und Gesang als wesentliche individuelle Merkmale der Kanarienvögel gelöscht erscheinen. Die „Vierundzwanzig Vogelkäfige“ sind wie eine Orwellsche Parabel der globalisierten Gegenwart zu lesen und verkörpern wie diese tiefgreifende Analyse und Widerspruch zugleich. Künstlerisch verbindet die Installation eine neusachliche Ästhetik souverän mit Aspekten der Minimal Art, in der seriellen Wiederholung und der raumgreifenden Inszenierung ebenso wie in der emphatischen Aktivierung der Betrachtenden. 

Sebastian Schütze

 

BEGLEITPROGRAMM

 

Do, 16.3.2017, 19 Uhr | Diskussionsabend QUIRE

Moderation: Daniela Hammer-Tugendhat
mit Verena Krieger, Ulrike Lienbacher, Andreas Popper, Gabriele Rothemann, Sebastian Schütze

Bei ihrer Ausstellung GABRIELE ROTHEMANN | QUIRE präsentiert die Künstlerin mit „Vierundzwanzig Vogelkäfige“ (2009) eine zentrale, das ganze MUSA füllende Rauminstallation und verbindet in dieser Arbeit eine neusachliche Ästhetik mit Aspekten der Minimal Art. Am 16.3. findet im MUSA ein Gesprächsabend statt, an dem hochkarätige Diskussions-TeilnehmerInnen die unterschiedlichen konzeptionellen Ebenen der Ausstellung besprechen werden. 

 

Do, 30.3.2017, 19 Uhr | QUIRE & Countertenor Solo | tenpo della state, 2017

Komposition: André Werner nach Sul volo degli uccelli von Leonardo da Vinci
Countertenor: Kai Wessel 

Im Rahmen der Ausstellung GABRIELE ROTHEMANN | QUIRE. Vierundzwanzig Vogelkäfige findet am Do, 30.3.2017, um 19 Uhr ein besonderer Abend im MUSA statt, bei dem die Komposition tenpo della state (2017) von André Werner nach Leonardo da Vincis Sul volo degli uccelli (Über den Flug der Vögel) von Countertenor Kai Wessel im Dialog mit den 24 Vogelstimmen in der Ausstellung uraufgeführt wird. Die Regieanweisung "Schnee aus den Bergen Sommers zum Fest über Marktplätzen fallen zu lassen" aus dem Kodex da Vincis, welcher derzeit zum ersten Mal in den Kapitolinischen Museen in Rom präsentiert wird, diente André Werner als Inspiration für den Titel seines eigens für die Ausstellung komponierten Stücks. 

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10 JAHRE MUSA 200
Wir feiern das Jubiläumsjahr mit drei Ausstellungen: GABRIELE ROTHEMANN | QUIRE. Vierundzwanzig Vogelkäfige (28.2.-22.4.2017), JORG HARTIG. REALPOP. EINE RETROSPEKTIVE (9.5.-19.8.2017) und ba ≠ a + b | 10 JAHRE MUSA. Aus der Sammlung der Stadt Wien, die im Rahmen eines Festes anlässlich 10 JAHRE MUSA eröffnet wird (Eröffnung 7.9., Dauer: 8.9.2017-13.1.2018). 
Weitere Informationen finden Sie hier.

 

 



Bildergalerie