LISA SPALT und EWALD PALMETSHOFER | 5.3.2014

6te unten

Mittwoch, 5. März 2014 | 19:00
LISA SPALT und EWALD PALMETSHOFER

Lisa Spalt ist Elias‐Canetti‐Stipendiatin der Stadt Wien, Ewald Palmetshofer war 2013 Dramatik‐Stipendiat.

Lisa Spalt liest aus dem aktuellen Projekt „Ameisendelirium“, an dem sie zusammen mit dem Bildenden Künstler Otto Saxinger arbeitet. „Ameisendelirium“ ist eine Liebeserklärung an die Metapher als Sehhilfe: Durch die Brille der Ameisen können wir auf die Welt sehen, daraus entsteht auch ein Weg wie durch ein Spiegelkabinett.

Ich kenne die Ameisen nicht. Jene leben auf einem anderen Planeten, auch wenn es der gleiche (und nicht derselbe) ist wie der, den ich bewohne. Alles, was ich daher über die Ameisen sage, beschreibt nur Bilder, die ich mir von ihnen mache. Und diese Gemachtheit der Bilder ist, da ich nicht lügen will, im Text sichtbar eingeschlossen wie das Insekt im Bernstein: Die Konstruiertheit der Gedanken ist jederzeit als Querdenkerei spürbar.
Über Ameisen zu schreiben und damit utopische, dystopische, vergangene oder bestehende Gesellschaften zu beschreiben ist seit Jahrhunderten im Schwange. Was aber, wenn ich denke, die Ameisen arbeiteten nur scheinbar zusammen, und zwar aus dem einen, einfachen Grund: Sie wären ganz einfach auf dieselben Verhaltensweisen programmiert? Und wenn ich sie dann also als Einzelwesen betrachte, die das Programm „Ameise“ ganz individuell auf die Welt anwenden?
Jede der vorgestellten Ameisen in „Ameisendelirium“ zieht mal da und schiebt mal dort an einem Strohhalm, und schon beginnt uns ein Haufen (der Indizien, die einander deuten und umdeuten) etwas zu sagen, es lassen sich aus dem Text kleine Handlungsanweisungen extrahieren, vielleicht sogar eine Lebensphilosophie. Die Ameisenmetapher (und jede andere, die wir über die Welt stülpen): so schön und witzig wie das Leben selbst.

Ewald Palmetshofer befindet sich mitten in den Arbeiten an einem neuen dramatischen Text: „die unverheiratete“ (AT). Ausgehend von Recherchen zu einem
Kriegsverbrecherinnenprozess am Wiener Volksgericht nach Kriegsende befragt er die Geschichte dreier Frauengenerationen nach der unmöglichen Möglichkeit von Erinnerung, Wahrheit und getaner Tat.

ich bin Elektra / die strahlende Sonne der Feuerbrand / der Brand / das Feuer / der Ofen bin ich / in meiner Flamme mit meinen Flammen / durch sie / die mein Zorn sind / verbrenne ich / verbrenne ich meine Herkunft / meine Abkunft / meine Abstammung / meinen Stamm den Mutterstamm / dessen Spross ich bin aus dem ich gesprossen / ich faule Frucht des üblen Baums / des Gewächses der Fäulnis das Mutter heißt / den Stamm und die Wurzel verbrenne ich im Feuer / das mein Zorn ist mein heiliger gegen die Mutter / sie

Einführung und Moderation: Julia Danielczyk
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Lisa Spalt, geb. 1970 in Hohenems, lebt in Wien und Linz. Sie studierte Deutsche Philologie und Romanistik. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Handeln in Sprache, Bildern und Objekten. Ihre letzte Einzelpublikation „Dings“ erschien 2012 bei Czernin Verlag, „Blüten. Ein Gebrauchsgegenstand“ (Czernin Verlag) kam 2010 heraus, „Grimms“ erschien bei Ritter 2007. Spalt arbeitet mit Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Sparten, v.a. mit dem Komponisten Clemens Gadenstätter, zuletzt bei „Es“ für das norwegische Ensemble „Asamisimasa“ (Text und Video; UA 2012 in Oslo, Festival Rainy Days) und „Blüten, eine soziale Installation“ für das Kammerensemble Neue Musik Berlin. Sie verfasste auch Hörspiele, gemeinsam mit der Regisseurin Renate Pittroff, zuletzt: „Dings“ (ORF 2013), „Am liebsten höre ich Erdbeeren“ (Institut Hartheim 2013).  lisa-spalt 350b
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Ewald Palmetshoferist 1978 in Oberösterreich geboren und studierte in Wien Theologie und Philosophie (LA). 2008 wurde er von „Theater heute“ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres ernannt sowie mit dem Dramatikerpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft. 2011 erhielt er den Förderungspreis der Stadt Wien in der Sparte Literatur. Seine Stücke „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ und „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“ wurden am Schauspielhaus Wien uraufgeführt und 2008 bzw. 2010 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Palmetshofer war Hausautor und Gastdramaturg am Schauspielhaus Wien und am Nationaltheater Mannheim. Sein Stück „räuber.schuldengenital“ wurde am 22. Dezember 2012 am Akademietheater Wien in der Regie von Stephan Kimmig uraufgeführt. Die Hörspielbearbeitung dieses Stücks wird am 24. März 2014 vom WDR erstgesendet. Ewald Palmetshofer unterrichtet „Drama“ am Institut für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst. Ewald-Palmetshofer 450b

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